Ein Monat in Kalifornien liegt hinter mir – Zeit für ein Resümee. Es gab einige Augenblicke, wo ich wirklich ins Nachdenken gekommen bin.

Armut und Reichtum liegen verdammt nah beieinander

Gewohnt habe ich während meiner Kalifornienzeit in einem Haus in Vallejo.

Ein Vorort von San Francisco, getrennt nur durch eine Stunde Fahrt mit der Fähre durch die San Francisco Bay.

Viele Pendler leben in Vallejo, weil sie sich San Francisco nicht leisten können. Für ein Ein-Zimmer-Appartement können dort durchaus 3.500 Dollar fällig werden.

Der Immobilienmarkt boomt auf beiden Seiten

Auch Vallejo spürt diese Preise. Im Moment ist es zwar nicht unbedingt ein Pflaster, wo ich abends alleine spazieren gehen würde, aber der Immobilienmarkt boomt.

Das Haus meiner Vermieterin Carla ist beispielsweise in den vergangenen vier Jahren im Wert um das Doppelte gestiegen.

Wenn ich mit Carlas beiden Labradoren durchs die Nachbarschaft der Napa Street spaziert bin, habe ich so manches mal gedacht: „Wie krass ist das denn!?“

Neben einem historischen Haus, das leider unbewohnt ist und daher langsam verfällt, steht ein wunderschön saniertes Haus, in das ich sofort einziehen würde. Das dritte Haus daneben ist unscheinbar, aber ein Maserati steht vor der Garage.

Die Obdachlosen von Vallejo

Ab und zu kommt mir ein Obdachloser entgegen, bei dem ich mich wundere, wie er sich überhaupt auf den Beinen halten kann. Mit dabei ist sein Einkaufswagen, der vollbepackt mit allem ist, was er auf der Straße finden konnte.

Rechts und links hängen die Habseligkeiten über den Rand, aber irgendwie fällt trotzdem nichts herunter.

Vielen der Obdachlosen in Vallejo geht es augenscheinlich aber sogar noch relativ gut. Sie sind freundlich, grüßen, haben ihre Treffpunkte und leben irgendwie ihr Leben.

Einen Obdachlosen habe ich am Ticketschalter der Busstation getroffen. Mit seinem niedlichen Lächeln, bei dem nur ein paar Zahnstummel zu sehen waren, war er dabei, die Ticketverkäuferin zu bezirzen, um sich charmant mit ihr zu verabreden.

Als ich mich dazu gesellt habe, hat er ein Doppeldate vorgeschlagen und gelacht. Wir sollten unbedingt zum Konzert seiner Band am kommenden Samstag kommen. Für mich würde er sogar extra ein Lied spielen, sagt er.

„Foxy Lady.“

Oder die alte kranke Frau, die in ihrem elektrischen Rollstuhl am Fähranleger jeden Tag die Pendler um eine kleine Spende bittet. Wahrscheinlich war sie nicht obdachlos, aber arm – das war ihr anzusehen.

Außerdem fuhr eine Sauerstoffflasche im Gepäck mit und versorgte sie über die Nase mit Sauerstoff. Sie war so dünn, dass sie wahrscheinlich nicht mehr in der Lage war, selbstständig zu laufen.

Wie ein kleines Vögelchen sah sie aus.

Trotzdem war sie immer nett zurecht gemacht. Wenn sie mir ihr dünnes Ärmchen entgegengestreckt und mich freundlich gefragt hat, ob ich einen Dollar für sie habe, habe ich ihr natürlich etwas gegeben.

Tod oder lebendig in San Francisco

In San Francisco sah es da oft anders aus.

Teilweise kam ich mir vor, als würde ich durch die Kulissen von „The Walking Dead“ laufen.

Offensichtlich ist bei vielen Obdachlosen durch Drogenkonsum etwas gehörig schief gelaufen.

Eine schreiende und schimpfende Frau mitten auf der vielbefahrenen Kreuzung, ein Mann, der sich seinen Weg mit einem imaginären Schwert durch die Einkaufsstraße kämpft oder der Mann, der sich halbnackt mitten auf dem Bürgersteig mit fliegenden Armen die fettigen Haare kämmt.

Und der Mann, von dem ich eigentlich nur sein schlaffen Eier in Erinnerung habe.

Er lag vor einem Geschäft auf dem Rücken, Oberkörper und Kopf mit einer Jacke verdeckt. Seine braune Hose war im Schritt vollkommen zerrissen, seine Unterhose ausgeleiert. Als Resultat hingen seine faltigen Eier heraus, sodass jeder, der vorbei ging, einen Blick darauf werfen konnte.

Er hätte tot sein können, niemand es sofort gemerkt.

Einzig die Hautfarbe lässt vermuten, dass er noch irgendwie am Leben war.

Wie sieht deine Realität aus?

Gerade in solchen Situationen ist mir aufgefallen, wie nah Armut und Reichtum nebeneinander liegen. Es sind verschiedene Realitäten, in denen diese Menschen leben.

Der Obdachlose ist in seiner Realität, in der Mangel und häufig Hoffnungslosigkeit herrschen. Ich lebe in meiner Realität, in der ich (mehr als) genug habe und mich mit schönen Dingen umgebe. Wir sehen verschiedene Welten.

Wer weiß, was ich alles nicht gesehen haben. Es sind verschiedene Realitäten.

Vielleicht klingt das für dich frustrierend, mich motiviert es.

Denn da alles damit beginnt, wie du die Welt siehst, besteht immer die Möglichkeit, deine Sicht zu ändern.

 

PS: Seltsamerweise habe ich noch nie in meinem Leben so viel Geld auf der Straße gefunden, wie in diesem Monat in San Francisco und Vallejo: Eine Handvoll Münzen plus ein 20-Dollar-Schein.

Vielleicht sehen die Obdachlosen dieses Geld nicht – weil es in ihrer Realität keine Rolle spielt.

 

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