Im ersten Augenblick habe ich gar nichts gedacht. Dann gab es einen zweiten Schlag mit dem Ellenbogen, der Mann griff durchs hintere Fenster des geparkten Autos, riss eine rote Handtasche heraus und rannte weg.

Krass!

Nur 100 Meter vor mir entfernt hat jemand vor meinen Augen in einer Wohnsiedlung am helllichten Tag ein Auto aufgebrochen.

Sofort musste ich an die Situation denken, als mir vor zehn Jahren die Fensterscheibe meines Autos aufgebrochen und meine Tasche gestohlen wurde.

Ein Scheiß Gefühl, wenn jemand in deinen Raum eindringt, der dort nichts zu suchen hat und dir nimmt, was dir gehört.

Hilflosigkeit pur!

Leben in Vallejo / Kalifornien

In Vallejo, einem Vorort von San Francisco, in dem ich seit drei Tagen wohne, hatte ich mich bis zu diesem Augenblick eigentlich sicher gefühlt.

Hier wohnen viele Menschen, die nach San Francisco zur Arbeit pendeln, weil es ihnen dort zu teuer ist. Wenn ich bedenke, dass dort eine 1-Zimmer-Wohnung gerne mal 3.500 Dollar kosten kann, wundert mich das nicht.

Diese Menschen in den unterschiedlichsten Hautfarben leben (unter anderem) in Vallejo.

Oh, shit! Mein Auto wurde aufgebrochen!

Da ich wusste, wie bescheiden das Gefühl ist, vor einem aufgebrochenen Auto zu stehen, habe ich mich auf die Suche nach dem Besitzer gemacht und bei den umliegenden Häusern geklingelt. Beim dritten Haus war jemand zuhause und hat mir die Tür geöffnet.

„Sorry, ist das Ihr weißes Auto dort an der Straße?“ habe ich die junge Frau gefragt.

„Ja, wieso?“

„Jemand hat gerade die Fensterscheibe eingeschlagen und eine rote Handtasche gestohlen.“

„Oh, shit!

Die junge Frau ist nach hinten ins Haus geflixt und mit ihrem Freund wiedergekommen.

Er hat sich in sein Auto geschmissen und ist auf Verbrecherjagd gegangen.

Ich bin mit der Frau den Gang entlanggelaufen, in dem der Dieb vor ein paar Minuten rennend verschwunden ist. 200 Meter entfernt lag die rote Handtasche, Papiere und Unterlagen ausgeschüttet, aber natürlich von Portemonnaie und Kreditkarten keine Spur zu sehen.

Sie hat ihre Sachen eingesammelt, sich bei mir bedankt und ist zurück in ihr Haus gegangen.

Von Sicherheit zu Unsicherheit – nur einen Augenblick entfernt

Von einer Sekunde auf die nächste habe ich mich total unsicher gefühlt. In jeder Person, die mir entgegengekommen ist, habe ich den nächsten Dieb gesehen.

Alle wollten mein Geld haben!

Alter oder Hautfarbe war mir dabei völlig egal – jeder war verdächtig.

Ich habe die Straßenseiten gewechselt, wenn mir jemand Seltsames entgegengekommen ist (und in dem Moment sah jeder seltsam aus), bin vorsichtshalber ganz links auf dem Bürgersteig gelaufen und habe mit beiden Händen meine Handtasche umklammert. 

Nach ein paar Minuten ist mir mein bescheuertes Verhalten aufgefallen.

Ich schaffe mir meine Realität und die sah in dem Moment ziemlich düster und gefährlich aus. Es hätte mich nicht gewundert, wenn hinter der nächsten Ecke tatsächlich jemand gestanden und mir meine Tasche weggerissen hätte.

„Linda, nun komm mal wieder klar!“ habe ich mir gesagt. „Was ist denn wirklich passiert?“

Was ist wirklich passiert?

Frei nach The Work habe ich also losgelegt. Dabei geht es darum, zu erkennen, ob das was ich denke, objektiv wahr ist. Meistens ist das nicht der Fall und dadurch kannst du deine Überzeugung zum Positiven drehen.

Was war also los:

Die Frau wurde ausgeraubt.

Ist das wirklich wahr?

Auf den ersten Blick war das natürlich wahr. Aber war das WIRKLICH wahr?

In dem Sinne, wie ich es erlebt habe? Hat sie unschuldig, weinend und hilflos vor den eingeschlagenen Scheiben ihres Autofensters gestanden und nicht gewusst, wie es weitergeht?

Nein, das war in diesem Fall nicht wahr.

Die Frau hat nicht geschockt gewirkt. Eher resigniert.

Ihr ist bereits zum zweiten Mal die Handtasche aus dem Auto gestohlen wurde, hatte sie mir erzählt. Wieso hat sie beim ersten Mal nicht daraus gelernt?

Vielleicht will sie die Aufmerksamkeit?

Die hat sie von mir bekommen und von ihrem Freund, den ich noch zehn Minuten später mit dem Auto in der Gegend auf Verbrecherjagd umherfahren gesehen habe.

Ist DAS wahr?

Keine Ahnung!

Zwei Lektionen, die ich an dem Tag gelernt habe

Aber es ist genauso wahr oder unwahr wie das Szenarium, das sich in meinem Kopf abgespielt hat. Und ich hatte anschließend wieder einigermaßen Sicherheit in meinem Kopf hergestellt.

Lektion 1 gelernt.

Außerdem habe ich gemerkt, dass ich in meiner Handtasche viel zu viel mit mir herumschleppe! Wenn mir die Tasche wirklich gestohlen worden wäre, wäre ich in den USA ziemlich aufgeschmissen gewesen:

Geld, Kreditkarten, EC-Karte, aufgeladene Karte für die Öffis in San Francisco, Perso, Führerschein, Reisepass, hahaha.

Selektieren ist angesagt.

Ab sofort kommt nur noch das mit, was ich brauche. Der Rest bleibt zuhause.

Lektion 2 gelernt.

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